Antonio Vivaldi (1678-1741)

VIVALDI, Antonio Lucio, venezianischer Priester und Komponist
Am 4. März 1678 als ältestes von sechs Kindern des Barbiers und späteren Cellisten der Capella Musicale an S. Marco, GianBattista V., und der Camilla Calicchio während eines der verheerendsten Erdbeben der venezianischen Geschichte in der Lagunenstadt geboren, sollten V.s Leben von frühester Kindheit an zwei Faktoren bestimmen: seine auffallende musikalische Begabung und seine stets angeschlagene Gesundheit. Erstere erfuhr von Jugend an eine nachdrückliche Förderung durch den Vater, letztere erscheint in den Quellen meist als »stretezza di petto«, was einige mit Asthma zu übersetzen suchten. Wohl unter dem Einfluß seiner frommen Mutter entschloß sich V. aber zum Erstaunen vieler, denen seine Begabung zum Violinisten aufgefallen war, nicht für das musikalische, sondern für das geistliche Leben. Am 18. September 1693 erhielt er die Tonsur, womit der Clerikerstand bestimmt war. Eine ordentliche Seminarausbildung war ihm jedoch, wohl schon damals aus gesundheitlichen Gründen, verwehrt, sodaß er zunächst zuhause wohnen blieb und »frei« bei den benachbarten Patres von S.Geminiano und S.Giovanni in Oleo Theologie studierte. Am 23. März 1703 empfing er das Sakrament der Priesterweihe. Nach anfänglicher seelsorgerlicher Tätigkeit nahm aber seine gesundheitliche Beeinträchtigung immer mehr zu, so daß es ihm ab spätestens 1705 nicht mehr möglich war, das Meßopfer darzubringen. Wohl als - auch finanziellen - Ausgleich erhielt er daher schon 1703 die Stelle eines Maestro di violino am `Ospedale della Pietà', einem Mädchenwaisenhaus, dessen Orchester zu den besten der damaligen musikalischen Welt zählte und dem V. viele Jahre über verbunden blieb. Hier entstand, wohl meist als Unterrichts- und Gebrauchsliteratur für den Gottesdienst, der größte Teil seiner zahlreichen Concerti und Sonate per il violino. Bis 1716 blieb V. an der Pietà, wobei er ab 1713 auch die Vokalmusik zu versorgen hatte. Dabei schuf er die beachtlichen, bis heute meist unbekannten kirchenmusikalischen Werke, bis 1715 bereits »eine ganze Messe, eine Vesper, ein Oratorium, über 30 Motetten und andere Werke«, alles in der ausschließlichen, gegebenen Besetzung für Frauenstimmen. 1716 erfolgte die Berufung V.s zum `Maestro di concerto', was aber seine Hinwendung zu einem anderem Genre nicht mehr aufhalten konnte: 1713 bereits war mit Ottone in villa seine erste Oper in Szene gegangen. 1714 begann mit dem Druck des Concerti-Zyklus' `La stravaganza' in Amsterdam der Durchbruch zur internationalen Berühmtheit. Nach Unstimmigkeiten in Venedig wechselte V. 1718 in die Dienste des kaiserlichen Statthalters Philipp von Hessen-Kassel nach Mantua, vornehmlich als Opernkomponist und -intendant. In den Jahren nach 1721 hält sich V. in Rom auf, spielt zweimal vor dem Papst und erhält, vor allem durch seine guten Beziehungen zu Cardinal Pietro Ottoboni, selbst Musikdilletant, zahlreiche Aufträge für Opern- und Kirchenmusik (Ostervesper 1725 für S. Cecilia?). 1726 kehrt er als musikalischer Leiter des Teatro S.Angelo in seine Heimatstadt zurück. Dort wird er, sowohl als Komponist, wie auch als Geigenvirtuose zur lebenden Legende und zum »Wallfahrtsziel« für viele Musiker ganz Europas. Der zur gleichen Zeit einsetzende Stilwandel aber, weg vom barocken Ideal und hin zum `style galant' läßt V. s Stern nach und nach verblassen. 1740 entschließt sich V. daher zur Übersiedelung nach Wien (Kaiser Carl VI. waren bereits seine Concerti op. 8 `La cetra' gewidmet), neben Dresden das Zentrum der V-Rezeption nördlich der Alpen. Mit stets schwächerer Gesundheit trifft V. am 28. Juni 1741 in der Habsburgermetropole ein, wird aber sofort aufs Krankenbett geworfen. Am 28. Juli 1741 stirbt der einstmals bekannteste Musiker Europas unbeachtet von der musikalischen Welt und erhält ein Armengrab auf dem Spittaler Gottesacker. - Durch seine musikalische Vehemenz, seine Vielfalt der musikalischen Aussage bei oft einfachsten Mitteln, nicht zuletzt aber auch durch seine die barocke Expressivität an die Grenzen führende Tonsprache, kann V. zurecht einen in jedem Sinne besonderen Platz in der Musikgeschichte beanspruchen, allenfalls vielleicht G.Ph. Telemann vergleichbar. Aus den genannten Gründen ab den 1730er Jahren immer weniger populär, waren es zuletzt nur noch wenige Musiker wie er, ungewillt den Stilwandel nachzuvollziehen, die ihm darüberhinaus in Bearbeitungen und Abschriften seiner Werke die Ehre erwiesen: J.S. Bach, J.D. Zelenka, J.J. Fux, A. Caldara. Danach geriet V. in Vergessenheit und wurde als barocker »Vielschreiber« zum Spott der romantischen und neuen Musik. In den Jahren nach 1940 begann, u.a. durch die Wiederentdeckung der Bestände der Sammlung Fao in Turin die V-Renaissance. Wenn auch die in diesen Jahren begonnene Gesamtausgabe bei Ricordi/Mailand Gewaltiges leistete, so bleibt vor allem die Opern- und Kirchenmusik V.s noch neu zu entdecken. Gerade letztere belegt stets aufs neue Tiefe und Kraft des »prete rosso«.

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